Sie wollen schnell wissen, was ein Unternehmen wert ist — ohne gleich ein mehrtausend Euro teures Gutachten? Das Multiplikatorverfahren liefert in vier Schritten eine belastbare erste Schätzung. So geht es.
Schritt 1: Das bereinigte EBITDA ermitteln
Die Basis jeder Bewertung ist der nachhaltig erzielbare Gewinn — nicht das ausgewiesene Ergebnis. Bei einem inhabergeführten Betrieb wird das EBITDA (Ergebnis vor Zinsen, Steuern, Abschreibungen) normalisiert:
- Inhabergehalt auf Marktniveau anpassen — was würde ein fremder Geschäftsführer kosten?
- Private Posten (PKW, Reisen, Versicherungen) herausrechnen.
- Einmalerträge (Anlagenverkauf, einmalige Förderung) eliminieren.
- Einmalkosten (Rechtsstreit, Sanierung) zurückaddieren.
Typische Bereinigungen liegen bei 10 bis 15 % des ausgewiesenen EBITDA. Dieser bereinigte Wert ist die einzig sinnvolle Bewertungsbasis.
Schritt 2: Den Branchen-Multiple anwenden
Multiplizieren Sie das bereinigte EBITDA mit dem branchenüblichen Faktor. Aktuelle KMU-Multiples im DACH-Raum (EBITDA-Basis, Q1/2026):
- Software / SaaS: ca. 6 bis 10×
- IT-Services: ca. 5 bis 9×
- Gesundheit / Medizintechnik: ca. 6 bis 10×
- Maschinenbau / Produktion: ca. 4 bis 7×
- Bau & Handwerk: ca. 4 bis 7×
- Handel / E-Commerce: ca. 3 bis 7,5×
- Beratung / Agenturen: ca. 3 bis 6×
Das Ergebnis ist der Enterprise Value — der Wert des operativen Geschäfts.
Schritt 3: Die Schuldenbrücke ziehen
Der Enterprise Value ist nicht der Kaufpreis. Vom Wert des operativen Geschäfts müssen die Nettofinanzschulden abgezogen werden:
- Nettofinanzschulden = zinstragende Schulden (Bankdarlehen) − liquide Mittel (Cash).
Schritt 4: Sonderposten korrigieren
Nicht-betriebsnotwendiges Vermögen — etwa eine separate Betriebsimmobilie oder Überschussliquidität — gehört nicht in den operativen Wert, sondern wird separat zum Equity Value addiert (oder herausgelöst).
Das vollständige Rechenbeispiel
Die Formel auf einen Blick: Equity Value = (bereinigtes EBITDA × Multiple) − Nettofinanzschulden ± Sonderposten.
Die Grenzen des Verfahrens
Das Multiplikatorverfahren ist eine schnelle Markteinschätzung, kein gerichtsfestes Gutachten. Für den belastbaren Wert dient in Österreich das Ertragswertverfahren nach KFS/BW 1, das den Zukunftsertrag mit einem risikoadjustierten Zinssatz kapitalisiert. Beide Verfahren und die typischen Fehler erklärt der Leitfaden zur Unternehmensbewertung.
Der größte Werthebel ist kein Rechentrick
Der Multiple selbst hängt am Risiko. Der stärkste einzelne Faktor: die Inhaberabhängigkeit. Ein Betrieb, der ohne den Eigentümer nicht funktioniert, bekommt einen niedrigeren Multiple — egal wie hoch das EBITDA ist. Wer Prozesse dokumentiert und das Wissen aus dem Kopf des Inhabers in Systeme überführt, hebt den Multiple real an. Für Verkäufer ist das die renditestärkste Vorbereitung. Mehr im kompletten Leitfaden zum Unternehmenskauf.
Häufige Fragen
Wie berechnet man den Firmenwert?
Am schnellsten über das Multiplikatorverfahren: bereinigtes EBITDA mit einem branchenüblichen Faktor multiplizieren (KMU im DACH-Raum grob 4 bis 7×), das ergibt den Enterprise Value. Davon die Nettofinanzschulden abziehen und nicht-betriebsnotwendiges Vermögen addieren, um den Equity Value (Kaufpreis) zu erhalten.
Was ist ein realistischer EBITDA-Multiple für ein KMU?
Für KMU im DACH-Raum liegt der EBITDA-Multiple grob bei 4 bis 7×, branchenabhängig: Software und Gesundheit höher (bis ca. 10×), Handel und Beratung niedriger (ab ca. 3×). Der branchenübergreifende Durchschnitt liegt bei rund 5,7×. Wichtig: Je kleiner das Unternehmen, desto niedriger der Multiple — im Segment unter 5 Mio. Euro Umsatz gelten die unteren Werte.
Warum ist Enterprise Value nicht gleich Kaufpreis?
Der Enterprise Value ist der Wert des operativen Geschäfts. Der Kaufpreis (Equity Value) ergibt sich erst nach Abzug der Nettofinanzschulden und Korrektur um nicht-betriebsnotwendiges Vermögen. Ein Unternehmen mit hohen Bankschulden ist für den Käufer entsprechend weniger wert, weil er diese Schulden mit übernimmt.
Was bedeutet bereinigtes EBITDA?
Das bereinigte EBITDA korrigiert das ausgewiesene Ergebnis um nicht nachhaltige und betriebsfremde Posten: Inhabergehalt auf Marktniveau, private Kosten heraus, Einmalerträge heraus, Einmalkosten zurück. Es bildet den nachhaltig erzielbaren Ertrag ab und ist die korrekte Basis für die Multiplikation.
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